Nachruf auf Wolfgang Eckert – Schreiben als Einmischung, Erinnerung und Widerspruch
Der Omnino Verlag trauert um seinen Autor Wolfgang Eckert. Mit ihm verlieren wir einen Schriftsteller, dessen Werk sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckte und der wie nur wenige Autoren seiner Generation aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts heraus schrieb: aus Krieg und Nachkriegszeit, Arbeitermilieu und DDR, deutscher Teilung und Wiedervereinigung, gesellschaftlichem Umbruch, Alter und Krankheit.
Wolfgang Eckerts Biografie war eine ostdeutsche Biografie. Das ist keine geografische Zusatzinformation, sondern ein Schlüssel zu seinem Werk. 1935 in Meerane geboren, wuchs er in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete unter anderem als Weber und Transportarbeiter, seine Mutter in verschiedenen Tätigkeiten der Textilindustrie. Eckert wurde selbst Wollstoffmacher und Handweber und arbeitete zunächst in Meeraner Webereien. Erst danach führte sein Weg an das Leipziger Literaturinstitut. Später leitete er die Gewerkschaftsbibliothek des VEB Palla, gründete dort einen Literaturklub und betreute über Jahrzehnte den Zirkel Schreibender des Kreises Glauchau. Diese Herkunft blieb in seiner Literatur spürbar. Der Arbeiter, der Nachbar, das Kind auf der Straße, die Familie am Küchentisch, der alte Mensch im Krankenhaus: Für Eckert waren sie keine literarischen Nebenfiguren. Von ihnen aus betrachtete er Gesellschaft. Das macht ihn zu einem Chronisten ostdeutscher Lebenswelten – aber keineswegs zu einem unkritischen Chronisten.
Eine Biografie mit Widersprüchen
Wer heute angemessen an Wolfgang Eckert erinnern will, darf auch die politischen Widersprüche seines Lebens nicht auslassen. Eckert war Teil des kulturellen Systems der DDR. 1973 trat er in die SED ein; von 1976 bis 1981 gehörte er als Vertreter des Schriftstellerverbandes dem Bezirkstag Karl-Marx-Stadt an und arbeitete dort in der Kommission für Kunst und Kultur. Seine SED-Mitgliedschaft beendete er noch vor dem Zusammenbruch der DDR: Eine 1988 eingereichte Austrittserklärung wurde schließlich anerkannt.
Auch mit der Staatssicherheit ist seine Biografie verbunden. Nach der heute öffentlich dokumentierten Darstellung wurde Eckert 1970 für kurze Zeit vom Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter geführt. Zugleich ist entscheidend, diesen Befund nicht verkürzt wiederzugeben: Nach Eckerts eigener Darstellung verweigerte er die tatsächliche inoffizielle Zusammenarbeit und wurde anschließend selbst weiter von der Staatssicherheit beobachtet. Genau dieser Widerspruch wurde für ihn später zu einer existenziellen Erfahrung.
In seiner autobiografischen Schrift Ich war ein Spitzeltäter. Aufzeichnungen eines Ahnungslosen setzte er sich ausführlich damit auseinander. Ostdeutsche Lebensläufe lassen sich jedoch nicht auf Aktenzeichen reduzieren. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung stehen wir vor der Aufgabe, solche Biografien anders und wertschätzend zu lesen. Das Ministerium für Staatssicherheit war das zentrale Instrument politischer Überwachung und Repression eines autoritären Staates. Auch persönliche Verantwortung darf deshalb nicht im Hinweis auf „die Verhältnisse“ verschwinden. Aber ebenso wenig wird man einem Leben gerecht, wenn man aus einem einzelnen Eintrag in einer Akte eine ganze Biografie ableitet. Zwischen überzeugter Mitwirkung, Anpassung, Opportunismus, Angst, Abhängigkeit, Widerstand, Rückzug und persönlicher Verweigerung lagen in der DDR zahlreiche Grauzonen. Menschen trafen Entscheidungen unter politischen Bedingungen, die sich von denen der Bundesrepublik fundamental unterschieden. Diese Entscheidungen müssen benannt und beurteilt werden. Sie müssen aber auch historisch verstanden werden.
Die Menschen in beiden Systemen, DDR und BRD, blieben dieselben. Ihre Erinnerungen, Entscheidungen, Irrtümer, Verletzungen und Hoffnungen gingen mit ihnen über die Systemgrenze. Darin liegt eine Aufgabe unserer Gegenwart: Wir müssen uns mit diesen Lebensläufen nicht versöhnen, indem wir ihre Widersprüche beseitigen. Wir können uns mit ihnen versöhnen, indem wir diese Widersprüche aushalten. Gesamtdeutsch und integrierend zu denken bedeutet deshalb auch, ostdeutsche Biografien nicht ständig danach zu befragen, wie weit sie einer westdeutschen Normalbiografie entsprachen. Die DDR war für Millionen Menschen keine Fußnote der deutschen Geschichte, sondern ihre Lebenswelt. Sie haben sich darin eingerichtet, mitgemacht, gehofft, gezweifelt, widersprochen, Kompromisse geschlossen und Entscheidungen getroffen, auf die sie später anders blickten. Wolfgang Eckert war einer von ihnen.
Schreiben hieß für ihn: sich einmischen
Auf die Frage, was ihn zum Schreiben bringe, antwortete Eckert in einem Gespräch mit unserem Verlag mit drei einfachen Gedanken: die Neugier auf das Leben, die Freude am Leben – und die Lust, sich einzumischen. Diese Einmischung ist die vielleicht stärkste Verbindung zwischen seinen sehr unterschiedlichen Büchern. Seine Erzählweise reichte von humoristischen und ironisch-satirischen bis zu politischen und ernsten Tönen. Literatur sollte sich für ihn ausdrücklich in die Gegenwart einmischen und streitbar sein; als wichtiges Vorbild nannte er Erich Kästner. Eckert schrieb über Politik, ohne politischer Theoretiker zu sein. Er schrieb über Menschen. Sein bevorzugtes Instrument war dabei häufig die Pointe. Er sagte über die eigene Arbeitsweise: „Ich habe eine pointierte Sprache, ich schreibe auf einen Satz zu.“
Das beschreibt seinen Stil erstaunlich genau. Beobachtungen werden bei ihm verdichtet, bis sie in einem Satz umschlagen. Humor besitzt einen Stachel, Ironie einen moralischen Kern. Gerade die Aphorismen zeigen einen Autor, der Misstrauen gegen fertige Wahrheiten hegte. Das erklärt auch einen seiner charakteristischsten Buchtitel: Die Wahrheit ist ein Chamäleon. Darin attackiert er Selbstgerechtigkeit, politischen Opportunismus, Konsum, soziale Kälte, mediale Überreizung und gedankenlose Gewissheiten. Zugleich richtet sich seine Kritik immer wieder gegen das bequeme Schwarz-Weiß-Denken selbst. Vielleicht war dies auch eine Erfahrung seiner eigenen Biografie: Wahrheit ist nicht beliebig. Aber sie kann abhängig vom Standpunkt anders erscheinen, und sie wird gefährlich, wenn Menschen glauben, sie bereits vollständig zu besitzen.
Familie, Kindheit und die Weitergabe von Verletzungen
In Zerrissenes Kind führt Eckert diese Frage in den privatesten Raum: die Familie. „Wenn die Familie die kleinste Zelle der Gesellschaft ist, dann hat unsere Gesellschaft ein Zellenproblem“, lautet einer seiner Aphorismen. Der Roman fragt, was Erwachsene ihren Kindern antun – oftmals nicht aus Bosheit, sondern weil sie eigene Verletzungen, Unfähigkeit und ungelöste Konflikte weitergeben. Das Kind wird dadurch zum schwächsten Glied einer Kette, die sich über Generationen fortsetzen kann. Auch darin steckt eine größere historische Frage. Wie werden Erfahrungen weitergegeben? Was tragen Kinder aus der Geschichte ihrer Eltern in das eigene Leben? Wann wird aus erlittenem Unrecht neues Unrecht? Und wie kann eine Generation den „Staffelstab“ ablegen, anstatt ihn weiterzureichen? Diese Fragen gelten für Familien. Sie gelten aber ebenso für Gesellschaften. Deutschland lebt bis heute mit weitergegebenen Erfahrungen aus Nationalsozialismus, Krieg, Vertreibung, deutscher Teilung, DDR und Wiedervereinigung. Eckerts Werk erinnert daran, dass politische Geschichte niemals nur institutionelle Geschichte ist. Sie setzt sich in Familien, Erinnerungen und Haltungen fort.
Meerane als Welt
Der Ausgangspunkt blieb für Wolfgang Eckert dennoch immer wieder Meerane. Sein spätes Erinnerungsbuch Der Kindheit fernes Leuchten führt zurück in die Nachkriegsstadt seiner Kindheit: in die Karl-Schiefer-Straße, zu den Webereien und Treppenhäusern, zu Nachbarn, Kinderbanden, Schulfreunden, Kohlenstaub und Nachkriegsnot. Diese Texte zeigen besonders deutlich, weshalb „Heimatliteratur“ für Eckert nicht Verklärung bedeutete. Seine Heimat ist sozial konkret. Hier arbeiten Menschen. Hier fehlt Geld. Hier endet ein Krieg und beginnt eine andere Gesellschaft. Hier träumen Kinder von Winnetou, während Erwachsene noch die Folgen der Katastrophe tragen. Aus Erinnerung wird Sozialgeschichte. Und aus der sächsischen Kleinstadt wird ein Ort deutscher Geschichte. Gerade deshalb verdient Eckert heute eine gesamtdeutsche Lektüre. Seine Bücher erzählen keine exotische „Ostgeschichte“. Sie erzählen deutsche Geschichte aus einem östlichen Erfahrungsraum.
Ein Leben zwischen Systemen
Wolfgang Eckerts literarische Biografie durchquert zwei Gesellschaftsordnungen. In der DDR wurde Familienfoto zu einem seiner bekanntesten Bücher und erschien in hohen Auflagen. Nach 1989 änderten sich Verlage, Öffentlichkeit und literarischer Markt grundlegend. Eckert erlebte neue Möglichkeiten, aber auch den Bedeutungsverlust vieler DDR-Autoren und zeitweilige Arbeitslosigkeit. In seinem späteren Rückblick schrieb er, er habe als Autor „in der Geborgenheit kleiner Verlage“ überlebt. Für uns als Omnino Verlag besitzt dieser Satz eine besondere Bedeutung. Wir durften einen wesentlichen Teil seines späten Werkes veröffentlichen: Bücher über Naturzerstörung, Aphorismen, Essays über das Schreiben, einen Kriminalroman, den Familienroman Zerrissenes Kind, das Alterswerk Intensivstation Erde und zuletzt Der Kindheit fernes Leuchten. Diese späten Bücher sind keine Nachträge zu seinem eigentlichen Werk. Sie sind dessen Konsequenz. Der alte Eckert betrachtet darin noch einmal die großen Themen seines Lebens: Wahrheit und Selbsttäuschung, Familie und Gesellschaft, Krieg und Frieden, die Zerstörung der Natur, Kindheit und Alter, Schreiben und Erinnern.
„Was soll Literatur?“
In Intensivstation Erde stellt Eckert schließlich jene Frage, die sein ganzes Leben begleitet hatte: Was soll Literatur? Er bleibt skeptisch gegenüber ihrer unmittelbaren Macht. Literatur habe die Welt noch nie grundsätzlich verändert, schreibt er. Dennoch besteht er darauf, dass ein Schriftsteller sich äußern müsse. Das scheint zunächst ein Widerspruch. Vielleicht ist es aber Wolfgang Eckerts poetisches Vermächtnis. Man schreibt nicht, weil man sicher ist, die Welt zu verändern. Man schreibt, weil Schweigen keine Alternative ist. Diese Haltung führte ihn noch im hohen Alter zu Themen wie Krieg, Frieden und Naturzerstörung. In Intensivstation Erde blickt ein schwer erkrankter Mann auf seine eigene Sterblichkeit und zugleich auf eine Menschheit, die sich ebenfalls wie ein Patient auf einer Intensivstation verhält. Persönliche Krankheit und gesellschaftlicher Befund gehen ineinander über.
Wir sind dankbar, dass wir Wolfgang Eckert auf einem wichtigen Abschnitt dieses langen Weges als Verlag begleiten durften. Wir werden seine Bücher weiter verlegen, lesen und zur Diskussion stellen – nicht als Denkmal eines widerspruchsfreien Lebens, sondern als Zeugnisse eines Schriftstellers, der seiner Zeit ausgesetzt war, an ihr teilnahm, sich an ihr rieb und sie bis zuletzt mit Worten befragte.
Lieber Wolfgang Eckert, es war uns eine Ehre, Ihre Bücher verlegen zu dürfen.
Dr. Alexander Schug und das Team des Omnino Verlags
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