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Die Einsamkeit der Wörter

Essays über den Sinn des Schreibens

2019 144 Seiten

Leseprobe

IMPRESSUM

INHALTSVERZEICHNIS

Ist Goethe besser?

Oh, Freund meiner Zunft!

Die Macht der Flammen und des Geldes.

Meiner Mutter Sohn.

Sibirisches Intermezzo

Hochwürden hat an allem Schuld.

Beim Inder essen

Als meine Wörter sterben sollten.

Schreiben ist wie eine Trunksucht.

Die Einsamkeit der Wörter.

Die Verlassenheit des Schriftstellers.

Wie ein Pinguin auf Wanderschaft.

Ungebrauchte Wörter.

Bellen und beißen.

Wörter in den Wind geschrieben.

Abgesang.

IST GOETHE BESSER?

Ich bin ein altmodischer Mensch. Ich schreibe noch gern Briefe per Hand. Abgesehen davon, dass in hundert Jahren Handgeschriebenes von mir zu Auktionen eine Riesensumme einbringt, das möchte ich in aller Bescheidenheit feststellen, ist es ein großes Vergnügen, sich vorzustellen, wie der Brief mit dem guten alten Postauto, dann mit einem Postzug oder Flugzeug und danach wieder mit dem Postauto in die Hände des Adressaten gelangt, der ihn in freudiger Erwartung vom Briefkasten ins Haus trägt. Mir ergeht es ebenso. Aber oft starre ich in den Briefkasten wie in einen kalten Backofen und singe leise vor mich hin: Keine Sau schreibt mir einen Brief. Heute kostet ein Brief siebzig Cent. Und sie tüfteln bestimmt schon an einer Preiserhöhung. Deshalb sollte man noch schnell Briefe schreiben, eine schöne Briefmarke kaufen und draufkleben. Aber es gibt nun die City-Post, und da ist es mit einer Briefmarke auch vorbei. Doch die City-Post kostet nur 65 Cent. Nun wird mancher sagen: Nur 5 Cent gut gemacht, was soll denn das!

Rechnet man aber aus, dass man für 1000 Briefe siebenhundert Euro bezahlen muß, so hat man mit der City-Post immerhin 50 Euro gewonnen.

Die Sache hat aber einen Haken: Ich schreibe, wenn es hoch kommt, aller zwei Monate einen Brief. Das wären im Jahr also nach Adam Ries sechsundzwanzig Briefe. Runden wir ab auf fünfundzwanzig, so hätte ich in vierzig Jahren die tausend Briefe erreicht und hätte im Alter von 123 Jahren immerhin einen Gewinn von 50 Euro erzielt. Irgendwie scheint mir aber an der Rechnung etwas nicht zu stimmen.

Neulich schrieb mir meine Frau einen Brief. Ohne Kuvert, ohne Briefmarke, nicht einmal mit der City-Post. Er lag auf dem Küchentisch, die Buchstaben heftig ausschlagend wie nach einer großen Erregung, nachdem sie die Tür knallend das Haus verlassen hatte. Er bestand aus zwei Sätzen: „Ich hasse dich! Essen steht im Kühlschrank.“

Daraus ersieht man: Zwei Seelen wohnen in jeder Frau. Die eine springt dich an, die andere ist um dein leibliches Wohl besorgt. Sie füttert dich gewissermaßen an. Ihre Liebe geht durch den Kühlschrank, und sie scheint mittels Wurst, Käse und Fleischsalat kulinarisch an dich gekettet zu sein. Eine Frau ist also wie ein Irrgarten. Du gehst ahnungslos hinein, erfreust dich an der Blütenpracht, hüpfst lustig herum, und wenn du zum Ausgang willst, findest du ihn nicht mehr und beginnst zu schreien. Aber es hört dich kaum einer. Und die dich hören, lachen schadenfroh in ihren Irrgärten. Vielleicht ist es auf eine Frau gemünzt entstanden, dieses Wort: Verirrung.

Was war denn überhaupt die Ursache des Briefes? Etwas äußerst Profanes, Irdisches, auf die Gegenwart Bezogenes, dass einen Schriftsteller aus den lichten Höhen in die dunkelsten Tiefen zieht. Aber alles der Reihe nach.

Ich lag geschlossenen Auges auf dem Sofa und dachte. Ich lag auf der Seite, die Unterarme zwischen die angewinkelten Oberschenkel geklemmt, gewissermaßen in einer embryonalen Urform. Der Beruf des Schrifttellers ist, glaube ich, der einzige, welcher mit geschlossenen Augen durchgeführt werden kann. Es ist wie in einem Brauhaus. Von außen sieht man nicht, was sich da im Inneren zusammenbraut. In meinem Kopf spielen sich unwahrscheinliche Vorgänge ab. Von außen bin ich gar nicht da. Und manche verheimlichen, was sie denken: Jetzt guckt er wieder so blöd. Aber in meinem Inneren treten Figuren aus dem Nebel wie Schemen, nehmen Gestalt an, beginnen zu laufen, zu reden. Ich male ihnen Augen, Nasen und Ohren. Buchstaben purzeln aus ihnen, werden zu Wörtern, zu Rede und Gegenrede, unerhörte Ereignisse beginnen zu leben. Die Wörter häufen sich zu einem Turm, und oben die Spitze ist wie ein Fähnchen, das auf das entscheidende Finalwort wartet, ein Wort als Ziel, wofür ich das Ganze zusammengedacht habe. Nur noch einen Moment, dann ist es da! Und genau in diesem Moment kommt meine Frau ins Zimmer, betrachtet meine embryonale Urform und sagt etwas ärgerlich: „Der Teppich muß gesaugt werden.“

Sagt es und entschwindet wieder und lässt mich aufgeschreckt allein in dieser plötzlich so dinglich gewordenen Welt. Es ist wie in einem Film, der zurück läuft. Die Figuren werden zu Schemen und lösen sich in Nebel auf. Die angehäuften Wörter purzeln zusammen wie der einstige Turmbau zu Babel. Rede und Gegenrede schmelzen dahin, und zuletzt bleibt nur noch ein Murmeln. All meine geistige Arbeit ist im Mülleimer. Weggefegt durch einen einzigen prosaischen Satz: Der Teppich muß gesaugt werden.

Vielleicht sind die besten Sätze, die ein Schriftsteller jemals schrieb, die in seinem Kopf gebliebenen. Aber wenn er dabei liegt, denken alle, er liegt wieder einmal auf der faulen Haut.

Ich erhebe mich, wobei ich eine gewisse tragische Haltung nicht verbergen kann, und hole den Staubsauger, diesen unerbittlichen Gesellender Gegenwart. Mit seiner langen hageren Gestalt erinnert er mich an einen Menschen, der sich nun mit mir einlassen muß. Ich lehne ihn vorerst an die Wand, schließe das Kabel an die Steckdose, nun wirkt er wie ein an die Leine gebundener ungefährlich gewordener Hund. Zwei Zimmer entfernt höre ich meine Frau in der Küche hantieren. Da kommt mir einer meiner genialen Einfälle. Ich schalte den Staubsauger ein. Gleichmäßig verbreitet sich sein Geräusch über mehrere Räume. Dann lege ich mich wieder auf das Sofa in der schon beschriebenen Urform. Und siehe da! Aus dem Nebel wanken meine Figuren, das Gemurmel wandelt sich in Rede und Gegenrede, der Finalsatz gärt wieder in meinem inneren Brauhaus. Das Werk ist fertig. Nun müssen die Wörter nur noch wie Samenkörner auf das Papier fallen und sprießen. Es ist gut eine Viertelstunde vergangen. Solange saugt man ein Wohnzimmer. Ich erhebe mich und schalte den Staubsauger aus.

Meine Frau hört es zufrieden und kommt herein. „Na bitte!“, ruft sie. „Es geht doch! Gleich sieht alles viel sauberer aus.“

Ich schweige und genieße das Lob. Manchmal können sogar Schriftsteller kriminelle Energien entwickeln. Wer keinen Staub sehen will, sieht auch keinen.

Gestehen muß ich aber, dass ich beim zweiten Staubsaugerversuch von meiner Frau ertappt und überführt wurde, was dann wiederum den Brief auslöste: „Ich hasse dich! Essen steht im Kühlschrank“. Keine Ehe ist vollkommen.

Zuweilen spielen meine Bekannten auf mein Alter an. Ich sehe, wie sie im Kopf rechnen. Da ich weiß, was in meinem Kopf vorgeht, finde ich mich auch ganz gut in den Köpfen anderer zurecht. „Du hast nun schon Jahrzehnte deine Rente“, sagen sie. „Warum schreibst du da eigentlich noch?

„Eigentlich“, erwidere ich eingeschüchtert, „eigentlich macht es mir noch Spaß.“

„Spaß!“, rufen sie. „Das hat es uns auch gemacht. Aber dann ist mal Sense und man genießt die Rentenjahre.“

„Goethe“, wende ich ein, „Goethe hatte auch schon lange seine Rente und schrieb immer noch.“

„Ja, Goethe!“, rufen sie in einem Ton, der mich kränkt.

I H N nehmen sie in Schutz. E r durfte als Rentner weiter schreiben.

Als wenn Goethe besser wäre!

OH, FREUND MEINER ZUNFT!

Kann man sich einen Schriftsteller ohne Größenwahn vorstellen? Was ist es dann, eine Seite voller Wörter zu schreiben und erwarten, dass wildfremde Menschen diese auch noch lesen und davon beeindruckt sind? Literatur ist längst zu einer Ware geworden und kaum noch ein Anliegen. Buchhandlungen ähneln immer mehr grellbunten Kaufhallen. Den alten Buchhändler, der wortlos seinem Kunden die Bücher hinlegte, von denen er wusste, dass sie zu ihm passten, den gibt es kaum noch. Literatur ist zum Markt geworden, die meisten Schriftsteller zu Anbietern. Sie bedienen ein Kaufinteresse nach Sex, Krimis, Klatsch und dicken Sirup auf die verkitschte Seele. Sie meinen es ja so gut. Aber aus dem Gegenteil von gut gemeint wird bekanntlich Literatur. Dies alles zu bedienen geschieht unter dem Gesichtspunkt, Gewinn einzufahren. Kann man solche Produzenten noch Schriftsteller nennen? Ein echter Schriftsteller fragt nicht danach, was die Leser wollen, sondern was ihn drängt, zu sagen. Da hat er wenige Chancen, ein Bestsellerautor zu werden. Bei meinem Rentnerkollegen Goethe steht ungefähr, man solle sich nicht zu den Lesern herab begeben, man solle sie zu sich herauf ziehen. Schon lange vor meinem Staubsaugervergehen ist das Sofa meine Arbeitsstelle. Meine Arche Sofa. Die angewinkelten Beine sind mein Arbeitstisch. Ich besitze zwar ein Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch. Aber daran habe ich noch nie gesessen und Bücher geschrieben. In hundert Jahren, wenn aus allen Weltgegenden Leute pilgern und an der verkordelten Türschwelle andächtig meinen Schreibtisch betrachten, wird der Museumsführer feierlich sagen: Und hier schrieb E R seine Werke. Und wieder ist das eine neue schöne Lüge.

Neulich kam mir Spitzwegs Gemälde vom armen Dachkammerpoeten vor Augen und ich erkannte an seiner Haltung beim Schreiben sofort, dass ich ein Nachfolger von ihm bin. Es gibt kein besseres Bild, dass so von der stillen Leidenschaft des Schriftstellers zeugt.

Oh, sei gegrüßt, Kollege meiner Zunft! An jenem Tag bist du von einer Wanderung in deine armselige Kammer geeilt, weil ein Gedanke keinen Aufschub mehr duldete. Auf den Holzdielen liegt ein hastig hingeworfener Stiefel, und der Stiefelknecht daneben scheint noch nach ihm zu schnappen. An der Wand lehnt der Wanderstock, hängt die Jacke an einem Nagel. Am Ofenrohr hängt der Hut zum Trocknen. Aber der Ofen ist nicht geheizt. Auf ihm als Luxus die Waschschüssel, eine Leine ist gespannt für das einzige dürftige Handtuch. Es wird ein kalter Regen draußen gewesen sein. Hinter dem kleinen Fenster ist weiß die Kälte zu sehen. Und in der Tür des Ofens und vor ihm gebündeltes Papier. Sind`s Zeitungen und er trennt sich nun von ihnen, weil er darin genug an Unheil erfahren hat? Oder sind`s gar Manuskripte, die zurück kamen wie einsame Vögel und er gibt sie nun auf wie eine Mutter, die ihre Kinder nicht mehr ernähren kann? An der Wand hat er zwanzigmal gestrichelt. Zählt er die Tage, bis der Vermieter vor der Tür steht und er ihm die Miete nicht mehr bezahlen kann?

Aber was sollen all diese schnöden Dinge! Man muß ihn sehen, wie er mit angewinkelten Beinen (sieh einer an wie ich!) im Bett liegt. Die Decke sieht so aus als wärmt sie ihn nicht. Er trägt einen groben Rock. Das Chemisett am Hals verhindert das Eindringen der Kälte in seine glühende Seele. Denn er glüht vor Eifer. Die beiden Enden des weißen Kopfkissens blähen sich hinter ihm zu beiden Seiten wie Flügel auf. Über ihm ein lädierter Regenschirm fast schwebend an der Decke. Man hört das Tröpfeln des Regens durch das undichte Schrägwanddach auf ihn. Nirgendwo tickt eine Uhr an den Wänden.

Was braucht es auch die Zeit! Auf dem Ofen eine alte Weinflasche, in deren schmalen Hals eine Kerze steckt. Ihr Licht fällt auf den Dichter, der dort halb sitzt, halb liegt auf der armseligen Matratze. Ach, käme doch zu diesem Anblick ein Verleger herein! Vielleicht änderte er dann seine gesamte Verlagspolitik und das lächerliche Honorar. Denn dort liegt ein Dichter, das sieht man. Umringt ist er von seiner spärlichen Bibliothek, sechs Bücher zählend, für die er vielleicht nach seinen Befindlichkeiten ein Vermögen gezahlt hat. Das Tintenfass droht umzukippen. Er hat die Schreibfeder quer zwischen die Lippen gepresst wie ein Indianer, denn er braucht jetzt freie Hände zum Dirigieren der Satzmelodie. Auf dem Kopf die altdeutsche Zipfelmütze verrät seine Herkunft. Vor ihm das Blatt Papier harrt der Vollendung. Über die randlose Brille hinweg geht der leidenschaftliche Blick des Dichters vermeintlich ins Leere. Aber es ist der Blick eines Jägers, der nach Wörtern jagt. Nichts im Raum ficht ihn in seiner Kärglichkeit mehr an. Der Tag bleibt draußen.

Und all dies zu sehen, wäre nichts, gäbe es nicht diese Hand! Aufgerichtet ragt sie in den Raum. Die Spitzen von Daumen und Zeigefinger berühren sich, und es ist der Moment, da das entscheidende kostbare Wort gefunden wurde.

Oh, Freund meiner Zunft! Wäre nicht diese Hand, wäre alle Literatur ohne Wert. Diese ausgestreckte Hand, die Berührung des Zeigefingers mit dem Daumen - das ist der Glaube an die unerschütterliche Kraft der Poesie.

DIE MACHT DER FLAMMEN UND DES GELDES.

Um 1866 malte Gustave Doré sein Bild „Paulus in Ephesus“. Paulus steht auf einer Anhöhe in einem langen bis auf die Füße reichenden Gewand. Seine Gestalt ragt in gleißendes, beinahe überirdisches Licht am Himmel. Dieses Licht kann aber auch der Widerschein des Feuers sein, welches zu seinen Füßen lodert. Er schaut zu den Magiern hinunter, die teils mit entblößten muskulösen Oberkörpern, teils in Gewändern mit voller Wucht Bücher in das Feuer werfen. Sie verbrennen ihre heidnischen Schriften; sie verbrennen Wörter. Die Magier waren Angehörige einer Priesterkaste in Persien. Man sagte ihnen magische übernatürliche Kräfte nach.

Der Apostel Paulus hielt sich zwei Jahre in Ephesus auf, wo er im missionarischen Eifer die Magier für seine christliche Lehre gewann in dem Maße, dass sie ihre eigenen Schriften freiwillig verbrannten. Das Bild Doré’s zeigt diesen Augenblick; und es ist vielleicht die Darstellung der ersten Verbrennung von Wörtern überhaupt.

Entschieden sich die heidnischen Magier damals für den christlichen Lehrsatz „Du sollst keinen anderen Gott haben neben mir“, der seitdem viele Gewalthandlungen nach sich zog und noch zieht? Verbotenes erweckt verdoppelt Neugier. Ich wüsste gern, welche Wörter damals in die Flammen geworfen wurden. Der Weg ist seitdem für die Heiden breiter und geebneter vielleicht, weil die Kirche zuwenig befriedigende Antworten auf die Fragen der Zeit gibt, besonders dann nicht, wenn sie sich mit Herrschenden verbündet, die sich christlich nennen und geben.

Die Ereignisse, zu denen Bücher verbrannt wurden, sind seit Paulus fast unermesslich. Eine genaue Aufzählung führte zur Monotonie und zu dem Glauben, dies sei alles nicht so schlimm gewesen. Aber mit dem Verbrennen der Bücher sollten auch deren geistige Urheber zum Schweigen gebracht werden, was meistens nicht gelang.

Es gab auch gegenseitige Verbrennungen. Luther verbrannte in Wittenberg die Päpstliche Bannbulle als Antwort darauf, dass seine Schriften vorher vernichtet wurden.

Die Gründe für die Verbrennung von Büchern waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von religiös unerwünschten Anbetungen über nach Ansicht der herrschenden Gesellschaft unmoralischen Schilderungen bis hin zu politischen Enthüllungen. Der französische Revolutionsführer Robespierre ließ ganze religiöse Bibliotheken und damit Bücher verbrennen, welche die Könige verherrlichten.

Am Rande des Wartburgfestes 1817 wurden in Anwesenheit von 500 Burschenschaften durch eine Minderheit radikaler Studenten schlagender Verbindungen Werke von Kotzebue, Immermann und eine Schrift des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher gegen den Antisemitismus symbolisch in die dafür vorgesehenen Flammen geworfen.

Bei den Worten schlagende Verbindungen kommen mir unangenehme Gedanken. Ich denke an Schmisse in harten Gesichtern, Monokel und schneidige patriotische Trinksprüche. Als Folge dieser Ausschreitungen auf der Wartburg wurde Monate später Kotzebue ermordet. Dies alles wirkt wie ein Vorspiel auf das nazistische Jahr 1933.

Im Zusammenhang mit den Ereignissen auf der Wartburg wird oft der prophetisch gewordene Satz Heinrich Heines „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ gesehen. Er bezieht sich auf die Verbrennung des Korans. Denn auch dieser wurde durch christliche Ritter 1499/ 1500 in Granada verbrannt. In Heines Tragödie „Almansor“ sagt der Titelheld:

Wir hören, dass der furchtbare Ximenes Inmitten auf dem Markte zu Granada – Mir starrt die Zung im Munde – den Koran In eines Scheiterhaufens Flamme warf.

Und Hassan antwortet darauf: Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

1933 waren es wiederum Studenten, die Bücher großer deutschsprachischer Schriftsteller „wider den deutschen Ungeist“ in die Feuer warfen, die vielerorts loderten. Dabei waren sie und besonders diejenigen, die sie dazu anzettelten, voller deutschen Ungeistes, Das sollte aber erst 1945 richtig gestellt werden. Und da bekam Heinrich Heines Satz erst eine unheilvolle Geltung, als an den Dokumentaraufnahmen der Krematorien in den Konzentrationslagern nicht mehr vorbei gesehen werden konnte.

1989/ 1990 fand eine Büchervernichtung besonderer Art statt, denn es fehlten ihr die üblichen Begründungen wie politisch unerwünscht, unmoralisch oder religiös. Es war eine Vernichtung ohne Flammen, kein heller Feuerschein flackerte zum Himmel und kein später Nachfolger des Paulus stand auf einer Anhöhe, um das stille Spektakel zu segnen. Fast klammheimlich wurden die Regale in riesigen Auslieferungslagern für die zu Ende gehenden DDR-Buchhandlungen leer geräumt. Die Bücher landeten auf einer Halde bei Leipzig. Da lagen sie auf Schutt und Dreck, die Werke Heinrich Manns darunter, und der Regen machte sich daran, sie aufzuweichen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch nebenbei die unliebsame DDR-Literatur mit entsorgt. Bücher, die dem Staat zustimmten oder sich, oft in einer Äsop-Sprache, kritisch mit ihm auseinander setzten, sprachlich Schönes und patriotisch Dienendes. Auf alle Fälle Werke gedruckter Wörter, in denen sich Schriftsteller ernst oder heiter mit einer treuen Leserschaft den Kopf über eine bessere Welt zerbrachen.

Wer trug die Bücher auf die Schutthalde? Waren es die einstigen Mitarbeiter? Wenn ja, was dachten sie dabei? Dachten sie nur leise und wagten nicht, laut zu denken? Die neue Zeit begann mit Verschweigen.

Was hier geschah, war kein politischer Vorgang, obwohl alles, was in der Welt passiert eine politische Tönung bekommt. Aber hier ging es nicht um abweichende Gedanken, um andere religiöse Ansichten oder gar um Unmoral. Nein, was hier geschah, war ein ökonomischer Exzess. Die Regale konnten nicht schnell genug frei werden für die auf Hochglanz gebrachten Bücher aus der Welt der Sieger. Inhalte spielten nicht die entscheidende Rolle. Sie hätten genauso Werke Walter Ulbrichts oder Erich Honeckers ohne Probleme verkraftet. Der Kapitalismus ist in dieser Hinsicht souverän.

Es lagen auch deutsche Klassiker auf dem Schutt: Goethe, EDEL SEI DER MENSCH, HILFREICH UND GUT, Heine, WIR WOLLEN HIER AUF ERDEN SCHON DAS HIMMELREICH ERRICHTEN, Schiller, ZUR NATION EUCH ZU BILDEN, IHR HOFFTET ES, DEUTSCHE, VERGEBENS.

Es wirkt beinahe wie eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein Pastor aus dem Land der Sieger, Martin Weskott aus Katlenburg, die Bücher auf der Schutthalde bei Leipzig im Regen zerweichen sah. Und es krampfte sich ihm das Herz zusammen, weil er eines für Bücher hatte. Millionenfach sah er gedruckte Wörter zergehen, zu Schanden kommen. Er charterte Fuhrunternehmer mit ihren Lastwagen und ließ retten, was noch zu retten war. Dann lud er in den folgenden Jahren die Schutthaldenschriftsteller nach Katlenburg und Suterode zu Lesungen ein und ist inzwischen zu einem großen Kenner von DDR-Literatur geworden. Und es ist erneut eine Ironie des Schicksals, dass er für seine Rettungsaktion, zu Recht, das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam. Diejenigen, welche profitable Interessen vertreten, scheuen auch nicht davor zurück, Maßnahmen dagegen anzuerkennen.

Der Bücherberg bei Leipzig war eine bis dahin noch nie geschehene Vernichtung von Millionen gedruckter Wörter ohne Rauch und Flammen, die in der Geschichtsschreibung über das Vernichten von Büchern nicht oder kaum erwähnt wird. Eine Handlung, die einzig und allein aus Profitinteressen geschah und nicht durch Angst oder Empörung geprägt war. Das Kapital fürchtet nur sich selber. Denn die Macht des Geldes kann nur durch die Macht des Geldes besiegt werden.

MEINER MUTTER SOHN.

Vor einiger Zeit schrieb ich: Leute, die mit mir Umgang haben, sagen: Er schreibt Bücher. Aber sonst ist es ein guter Kerl.

Solcher Erkenntnis ging eine Beobachtung voraus. Wenn ich durch meine Heimatstadt gehe, grüßen mich viele Meeraner. Aha, denke ich geschmeichelt, sie kennen deine Bücher! In Wahrheit aber ist es so: Sie kennen kein einziges Wort von mir und denken: Aha, der Schriftsteller kennt mich!

Es war, als hätte ich bei meinem Gang durch die Stadt einen goldenen Lorbeerkranz um die Stirn getragen und nun fallen die Blätter ab und es bleibt nichts weiter übrig als mein armseliges Haupt.

Im Roman „Familienfoto“ beschreibe ich u. a. das Leben meiner Tante Hanna. Ihr Mann war im Krieg vermisst, sie wartete und wartete, aber er kam nie wieder. Sie musste allein ihre zwei Mädchen durch die Kriegszeit und danach durch Hunger und Elend am Leben erhalten. Ich habe dieses ihr Leben voller Anteilnahme beschrieben und schenkte ihr den Roman. Danach wartete ich darauf, was sie mir dazu sagen werde. Aber sie schwieg. Ich dachte, ihr habe etwas an meiner Beschreibung missfallen. Doch wie ich sie kannte, hätte sie mir das bestimmt gesagt.

Nach einem Jahr kam ich schließlich zu der ernüchternden Ahnung: Sie hatte das Buch nicht gelesen.

Es ist das Privileg des Schriftstellers, größenwahnsinnig zu sein. Ohne solchen Wahn brächte er keinen einzigen Satz auf das Papier. Also rufe ich: Wie kann ein Mensch meine Bücher nicht lesen! Jahrelang bin ich mit ihnen schwanger gegangen und dann, wenn sie zur Welt kommen, wird ihnen die Taufe verwehrt. Denn sie zu lesen, ist die eigentliche Taufe, da erst erhalten sie ihren Namen. Mit Literatur gefüllt wandelt mein Astralleib durch die Sphären und keiner sieht, dass mir die Wörter geburtenreif aus Mund, Nase und Ohren quellen. Ich bin ein Vulkan, aus dem sie als Lava herunter fließen.

Als meine angehende Frau ihre Verwandtschaft mit dem Satz, sie werde einen Schriftteller heiraten, in helle Panik und zu dem Ausruf brachte: „Mädchen, das ist ein Hungerberuf!“ erwiderte sie romantisch: „Dann ziehe ich eben mit ihm in eine Dachkammer.“

Spitzwegs Bild von meinem Zunftbruder kannte sie damals noch nicht. Und sie wusste auch noch nichts von gefliesten Bädern, bequemen Wohnzimmersesseln, Breitwandbildschirmen, Partyräumen und Geschirrspülautomaten.

Nein, sie sah sich mit mir unter einer Decke und hörte meinen, die Welt bewegenden Gedanken voller Bewunderung zu. Denn das ist mein Schicksal: Alle Welt lauscht ergriffen den großen Gedanken von Dichtern, bloß nicht den meinigen. So gleichen meine Bücher einsamen Wäldern, in die sich gelegentlich einmal ein Wanderer verirrt.

Aber eines weiß ich mit Sicherheit: Meine Bücher hatten einst einen materiellen Wert in Form von Trinkgeldern. Sie wurden zu einer Art Wertgegenstand. Das alles verdanke ich meiner Mutter, in deren armer Familie der Kauf eines Brotes wichtiger war als der eines Buches. Wenn Handwerker in der Wohnung meiner Eltern zu tun hatten, geschah es oft, dass einer von ihnen grübelnd fragte: „Eckert - ? Sind Sie mit dem gleichnamigen Schriftteller verwandt?“

Da erhob sich die in ihrem Alter klein und zerbrechlich gewordene Gestalt meiner Mutter zu ungeahnter Größe, und sie erwiderte stolz: „Ich bin seine Mutter.“

Das beeindruckte den Handwerker, der mich auch nur aus den Reden anderer kannte. Meine kleine Mutter hatte längst einen Trumpf in der Hand, den sie nun ausspielte: „Wollen Sie ein Buch von ihm? Mit seinem Autogramm?“ Autogramm sprach sie aus wie eine besondere Auszeichnung. Der Handwerker blickte verdutzt drein, als hätte man ihm eben ein Pferd für seine Wohnung angeboten.

Meine in praktischen Alltagsdingen versierte Mutter hatte sich längst von mir ein Minilager von Büchern erbettelt für eben solche Überfälle auf ahnungslose Handwerker oder auf Menschen, von denen sie sich unbedeutende Vorteile erhoffte. Es blieb ihre einzige Art, mit meinen Büchern umzugehen. Ich schenkte ihr gern welche, denn sie lagen zu Hause bei mir auch nur wie ein überflüssig gewordener Pantoffel herum. Mit ihnen beschenkte ich manchmal selber ahnungslose Besucher, warf mit den darin befindlichen Wörtern nach ihnen. Meine kleine Mutter lehrte mich einen ganz praktischen Umgang mit ihnen: Bücher ließen sich nach Gewicht und Größe beurteilen. Zehn von ihnen nebeneinander ergaben mit dem Zollstock gemessen schon eine beachtliche Breite.

Mein erzgebirgischer Schwiegervater fragte mich, wenn wir gelegentlich gemütlich zusammen saßen, misstrauisch: „Schreibste noch deine Geschichteln?“

Ich schenkte ihm stets alle meine Bücher. Bei solch einer Übergabe hielt er das Buch, als wisse er nicht, von welcher Seite es aufzublättern sei.

Dann sagte er „Na ja!“, stellte es in das Wandregal zu den anderen, und es war wie diese für immer verschwunden.

Dieses unbekümmerte, unerschütterliche Vorbeileben an der Literatur erinnert mich an eine Anekdote über Goethe, die mir jetzt wie ein Trost erscheint: Zwei junge Literaturwissenschaftler erfuhren von einer uralten Frau in Weimar, die Goethe noch gekannt hatte. Sie fuhren sofort zu ihr und fanden sie auch noch verhältnismäßig gut vor. Zuerst führten sie ein Gespräch über belanglose Alltäglichkeiten. Dann kamen sie wie nebenbei auf Goethe zu sprechen. Ungeheure Spannung! „Dor Geethe!“, rief die alte Frau. „Heernse mir off mit däm! Egal hatte der was mit die Weiber. Dann isser abgehaun und mor hat nie mehr was von ihm geheert.“

Mein Vater war außer meinem Sohn und meinem Schwager der einzige, der meine Bücher wirklich las. Ich sah das an dem Lesezeichen, das langsam im Laufe der Tage durch mein auf dem Tisch liegendes Buch wanderte. Das ermutigte mich zu der Frage, ob ihm das Buch gefalle. Mein Vater lächelte mich wie ertappt verlegen an. Dann erwiderte er: „Gut.“

Das war die kürzeste Buchrezension, die ich jemals in meinem bisherigen Leben erhalten habe.

SIBIRISCHES INTERMEZZO

Als mein zweites Buch erschien, wurde ich tragfähig für Sibirien. Nein! Wer jetzt so denkt, denkt falsch. Aber meine gedruckten Wörter gaben mir nun mehr Bedeutung. Der Schriftstellerverband, dem ich angehörte, hielt mich für reif zum Vorzeigen. Aller zwei Jahre flogen zwei Mitglieder des Verbandes zwei Wochen nach Irkutsk und an den Baikal. Die Jahre dazwischen kamen zwei Schriftsteller Sibiriens zu uns. Mit mir flog mein Karl-Marx-Städter Kollege Arne Leonhardt, der sich schon sehr auf die doppelten Wodka freute, die dort bei jeder Gelegenheit zur Festigung der Freundschaft verabreicht wurden.

„Doc“, sagte er zu mir, „uns werden die Arme weh tun vom vielen Anheben.“

Sie nannten mich im Verband Doc, weiß der Teufel, warum.

Ich hatte schon beim Beginn der Reise meine Probleme. Es war Ende September und ein warmer Nachsommer bei uns. In Sibirien aber, so orakelte man mir gegenüber, könnte im Oktober schon eine empfindliche Kälte sein. Ich fuhr mit dem Linienbus nach Glauchau, von dort mit dem Zug nach Dresden und einem Zubringer zum Flughafen. In Dresden wollte mich Leonhardt treffen. Der Linienbus von Meerane nach Glauchau war bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Auch im Gang standen die Leute dicht gedrängt Körper an Körper. Die Schaffnerin zwängte sich mit ihrer Kasse vor der Brust auch noch durch. Ich fand, meinen Koffer auf Hochkante, gerade noch Platz. Damals in der DDR-Zeit waren die Busse aus Ermangelung an Privatautos besonders nach Arbeitsschluß überfüllt. Heute sitzen die Leute in mäßig besetzten Bussen und starren einsam vor sich hin. In meinem Bus war obendrein noch drückende Hitze. Dies wäre ja noch auszuhalten gewesen. Aber ich trug im Hinblick auf das, was mich erwartete, einen gut wattierten Wintermantel. Einige Fahrgäste hinter mir stand ein ehemaliger Arbeitskollege aus der Weberei. Er musterte mich und meinen Wintermantel und rief über die Köpfe hinweg spöttisch: “Nanu! Willst du nach Sibirien?“

„Ja“, erwiderte ich. Und alle im Bus begannen zu lachen. Immer wenn ich etwas Ernsthaftes sage, halten mich die Leute für einen Spaßvogel.

Wir flogen von Dresden nach Moskau und dann mit einer Inlandmaschine von Moskau bis Irkutsk. Aber das Flugzeug, eine IL, ging überraschend in Omsk auf Zwischenlandung. Mit Tschechen, Polen und Franzosen saßen wir eine Stunde informationslos im Transitraum des Flughafens. Endlich erfuhren wir, in Irkutsk sei so schlechtes Wetter, dass eine Landung zu schwierig sei, Die Nacht hatte begonnen. Wir wurden über den spärlich beleuchteten Flugplatz zu einem formlosen rechteckigen Gebäude mit Flachdach gebracht, das mit seinen dunklen Fenstern schon von Weitem einen düsteren Eindruck auf uns machte. Der lange Korridor war mit einer einzigen Lampe erleuchtet. Rechts und links des Korridors standen Betten, in denen Menschen schliefen oder so taten, um uns nicht sehen zu müssen. Später erfuhren wir, es waren russische Fluggäste, welche ihre Zimmer unserer überraschenden Ankunft wegen plötzlich und verärgert räumen mussten.

In die Türen der Zimmer waren Spione eingebracht. Man konnte also von innen kontrollieren, wer da von draußen klopfte. Die umgekehrte Möglichkeit fanden wir schon weniger angenehm. Im Zimmer standen zwei Metallbetten, rechts und links der Wände dazwischen zwei Nachttische. Von der Decke herab hing ein Elektrokabel am Ende mit einer Fassung, in der nackt und schmucklos eine Glühbirne hing. Dies alles brachte uns zu der Ansicht, wir befinden uns in einem Hotel im Gefängnislook. Was uns besonders auffiel, waren die Lichtschalter, welche ungewöhnlich hoch für unsere Verhältnisse angebracht waren. Da wir uns im Jahr des chinesisch - russischen Grenzkonfliktes befanden, vermuteten wir darin eine militärisch - strategische Handlung der Russen. Wenn die kleinwüchsigen Chinesen hier eindrangen, konnten sie nicht einmal durch Hüpfen an die hohen Lichtschalter gelangen und kamen zu der resignierenden Erkenntnis, die einer Niederlage glich: In Lussland immel Finstelnis!

Wenn ich später, wieder in der DDR, Leonhardt anrief, stellte ich mich nie mit meinem Namen vor, sondern sagte diesen, den Chinesen zugeschriebenen Satz, und Leonhardt antwortete im Brustton tiefster Überzeugung: Immel Finstelnis! Erst dann kamen wir zur Sache.

Details

Seiten
144
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783958941298
ISBN (Buch)
9783958941281
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496693
Schlagworte
Kurzgeschichten Schriftsteller Leser Buchmarkt Schreiben Bücher schreiben

Autor

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Titel: Die Einsamkeit der Wörter