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Neues von den Hühnis

Zwölf (vielleicht sogar) wahre Geschichten aus dem Hühnerstall. Band III

©2022 208 Seiten

Zusammenfassung

„Neues von den Hühnis!“ – auch im dritten Band berichtet Myriam Hoffmann vom turbulenten Leben mit ihrer wachsenden Hühnerfamilie. Von ihren Katzen in jahrelanger Arbeit bereits gut erzogen, bemüht sie sich, den vielfältigen Wünschen ihrer gefiederten neuen Freunde nachzukommen. Das ist nicht immer einfach – denn die Hühnis haben ihre ganz eigene Sicht aufs Leben. Doch lest selbst! Hühnerbesitzern wird gar manches vertraut vorkommen und bei (Noch)Nichthühnerbesitzern vielleicht der Wunsch nach eigenen Hühnern aufkommen. Aber Vorsicht – der „Ein-Huhn-geht-noch-Virus“ schlägt gerne zu.

Liebenswerte Kurzgeschichten über das Leben auf dem Land. Die ideale Landfluchtlektüre. Ein Geschenk- und Glücklichmachbuch über ein anderes Leben mit Hühnis, Natur, Luft und Meer. Ein Buch für die rund 200.000 Menschen in Deutschland, die eigene Hühner halten – und es werden immer mehr.

Stimmen zum Buch:
„Ich hab andauernd gelacht. So herrlich passend und witzig geschrieben. - H.W.
„Ein Musthave für alle Hühnerbesitzer, und für diejenigen, die mit dem Gedanken an Hühner spielen und erst recht diejenigen, die (noch) keine haben! Ich eue mich schon jetzt auf die Fortsetzung...!!!“ - C.K.

Leseprobe

Was vorneweg

Es gibt da so ein Huhn,

das hat recht viel zu tun.

Es buddelt gern den Garten um,

und treibt sich oft im Haus herum.

Dort klaut’s so manche Leckerei,

und macht viel Unordnung dabei.

Das darf es nicht,

das weiß es auch,

egal, sagt’s,

Hauptsach’, voller Bauch.

Es bricht oft aus

und geht dann wandern,

von unsrem Hof

gern zu manch andrem.

Hermine heißt das gute Tier,

Geschichten gibt es viel von ihr.

Manch eine wurde aufgeschrieben,

von ihr und auch den andren Lieben.

Auf dass Euch die Hühnis Freude machen,

ich hoff, Ihr könnt darüber lachen.

Wie stets bestehen die Hühnis vehement darauf, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Hühnern absolut beabsichtigt und ausdrücklich erwünscht sind.

Wer ist wer?

Ich: „Sooo, ihr Lieben, es ist mal wieder an der Zeit, sich vorzustellen. Viele Leute kennen euch schon, aber es gibt ja auch ein paar neue Leser. Und die sind vielleicht ein wenig verwirrt, weil ihr so viele seid.“

Roswitha: „Wer uns noch nicht kennt, kann doch Band I oder II lesen. Da bin ich immerhin die Hauptperson und -“

Pippi: „Was bist du? Ich hör wohl nicht richtig! WENN hier einer die Hauptperson ist, dann ja wohl ich!“

Bärli: „Beruhigt euch, Mädels. Darum geht es doch gar nicht.“

Roswitha: „Ach nein?“

Pippi: „So? Worum geht’s denn dann? Sie kann hier doch nicht einfach irgendwelchen Mist verbreiten.“

Roswitha: „Die Wahrheit ist kein Mist!“

Horst: „Also, eigentlich bin ja ICH hier der Chef!“

Pippi: „Und uneigentlich ICH!“

Roswitha: „Und ich bin die Hauptperson. Die mit den grünen Eiern! Die EINZIGE, die in der Lage ist, grüne Eier zu legen.“

Adele (seufzend): „Kannst du auch mal was anderes sagen? Grüne Eier, grüne Eier, immer das gleiche. Das nervt.“

Chantal: „Mon Dieu.“

Pippi (augenrollend): „Unsere Franzööööösin mal wieder. Bekomm du erstmal wieder Federn, dann reden wir weiter.“

Chantal (verstimmt): „Isch kann nixöö dafür, wenn iiisch in dörrr Mausörrr bin!“

Roswitha: „Ich hingegen habe strahlend weiße Federn!“

Hermine: „Bis auf die an deinem Hintern. Beziehungsweise, hoppala, da sind ja gar keine ...“

Roswitha: „Dafür kann ich nix. Die habe ich bei dem Habichtangriff heroisch geopfert, das weißt du ganz genau!“

Es war ein klitzekleines bisschen anders, aber jedes Mal, wenn sie die Geschichte erzählt, wird ihre Rolle größer und größer ...

Freya (Roswitha ignorierend): „Also gut, ich fang dann einfach mal an. Ich heiße Freya, bin die Ökobeauftragte hier und habe seelisch und spirituell alles im Griff.“

Fluffy: „Ja, ja. Und tanzt nackt im Mondschein und beschmierst dich mit Schlamm.“

Alle kichern.

Freya (verschnupft): „Irgendeiner muss sich ja um eure geistige Gesundheit kümmern.“

Fussel: „Und gerade bei dir, Fluffy, liegt doch einiges im Argen.“

Fluffy: „Schau mal da, ein riesiger, fetter Mehlwurm. Direkt vor Pippis linkem Fuß!“

Pippi (hochspringend): „Ahhhhh!“

Alle lachen.

Pippi (empört): „Was soll das, ich hab doch gar nix gemacht. Mich mit meiner Mehlwurmphobie aufzuziehen, ist nicht lustig.“

Hermine (kichernd): „Die einen sagen so, die anderen sagen so.“

Pippi: „Dann mache ich einfach mal direkt weiter. Ich bin die Leithenne, koordiniere die vielfältigen Tagesaufgaben, die Hühner so zu bewältigen haben, und meine Phobie ist schon fast überstanden.“

Fluffy: „Mehlwurm voraus!“

Pippi: „Aaaaahhhh!“

Roswitha: „Ja. Deutlich zu sehen. Fast überstanden, deine Phobie.“

Horst: „Mädels, Ruhe jetzt. Weiter im Text. Wie gesagt, ich bin der Chef hier, Oberkoordinator sozusagen, und alle sind mir unterstellt.“

Adele: „Hört, hört.“

Pippi (murmelnd): „Dünnes Eis!“

Roswitha: „Sehr dünnes!“

Hermine: „Ich bin Hermine, Tochter von Chantal und Horst.“

Fluffy: „Die Essensbeauftragte.“

Hermine: „Was denn, was denn, ich kümmere mich halt um eine gesunde, ausgewogene Ernährung.“

Fussel: „Frei nach dem Motto: Mehr ist mehr!“

Chantal: „Mir mein Croissant wegzüessenöö, ist niiiischt nett gewöösen.“

Ich: „Ähäm, genaugenommen, handelte es sich um MEIN Crossant.“

Chantal (mit einer wegwerfenden Flügelbewegung): „Papperlapapp, sei niiiischt so kleinliiisch! Alors, je suis Chantal. Isch legö schönö dunklö Eiöör, die am bestön schmecköön von allön.“

Es entbrennt ein kurzer, aber heftiger Streit, wessen Eier am besten schmecken. Das verwundert mich doch sehr, denn meines Wissens nach hat noch keine der Ladys ihre eigenen Eier, geschweige denn die der anderen gekostet. Auch alle Hähne diskutieren munter mit, dass – wenn sie welche legen könnten – selbstredend ihre die besten wären. Mit Abstand. Und die größten! Natürlich. Nun ja, hören wir einfach weiter zu.

Bärli: „Ich bin Bärli. Mein Ziel im Leben ist es, wundervolle Küken auf das Leben vorzubereiten.“

Ich: „Und das machst du wirklich sehr gut.“

Bärli: „Danke.“

Liebevoll blickt sie ihre Zöglinge an. Oreo, der mittlerweile schon fast wie ein richtiger Hahn aussieht, ein bisschen zerzaust noch, aber das wird schon. Streusel, der kleine weiße Kerl mit den vielen Pünktchen, der sich endlich als Hahn zu erkennen gegeben hat. Und dann ist da noch der winzige, orangerote Pudding, unser Findling, den jemand in einem Karton vor unserer Tür abgesetzt hat. Sie wischt Pudding einen Schmutzfleck vom Schnabel, der sich wie jedes Kind energisch dagegen wehrt.

Adele: „Und ich bin Adele. Genau wie Bärli bin ich eine Brahma und leidenschaftliche Mutter. Meine kleine Cookie hat sich sehr gut gemacht.“

Sie zeigt auf das winzige, graue Ding, das man durchaus auch für eine große Staubfluse halten könnte. Cookie ist so zart und klein, dabei so wuselig, dass ich immer aufpassen muss, nicht auf sie zu treten.

Adele: „Sag Hallo, Cookie.“

Cookie: „Hallo Cookie.“

Alle kichern.

Pippi: „Oh Mann, der Witz hat soooooooo nen Bart.“

Wie die meisten Zwergseidenhühnchen, mit Ausnahme von Pudding, ist Cookie ziemlich frech. Dafür, dass sie so winzig ist, hat sie ein sehr großes Selbstbewusstsein.

Streusel: „Jetzt ich!“

Pippi: „Aber dieses Mal bitte ein wenig ausführlicher.“

Streusel: „Ich bin Streusel. Und ich bin ein Haaaaahn.“

Roswitha (murmelnd): „Eher ein halbes Hähnchen.“

Pippi: „Und weiter?“

Streusel: „Fertig!“

Pippi: „Seufz.“

Oreo: „Und ich bin Oreo. Nach meinem Papa Horst der Juniorchef!“

Pippi: „Davon träumst du.“

Fluffy: „Meeeehlwürmer. Gleich drei Stück!“

Pippi: „Aaaaahhhhh!“

Adele: „Dass du aber auch jedes Mal drauf reinfällst!“

Nutella: „Ich bin Nutella, die Tochter von Hermine, und das hier ist meine Schwester Mocca.“

Die beiden sind meine Hoffnungsträger auf olivfarbene Eier. Ich gebe es nicht auf, das mit den Eierfarben. Irgendwann muss es doch mal klappen.

Fussel: „Also, wir zwei noch, wir sind Fluffy und Fussel, und ich stelle am besten auch noch gleich Pudding mit vor. Der traut sich das ja ohnehin nicht.“

Pudding (wispernd): „Danke.“

Fussel: „Wir drei sind Zwergseidenhühner genau wie Cookie, die schönste Rasse überhaupt.“

Wieder entbrennt ein Streit, welches die schönste Rasse sei.

Ich (unterbrechend): „Sooooo, das habt ihr gut gemacht. Ich finde euch alle toll, vollkommen egal, welche Rasse ihr seid. Und zur Feier des Tages schmeiß ich ’ne Runde Mehlwürmer!“

Pippi: „Aaaahhhhh.“

Ich: „Entschuldige, du bekommst natürlich etwas anderes.“

Streusel: „Was feiern wir denn?“

Ich: „Dass es euch gibt!“

Ein sehr guter Grund, finde ich.

Morgenstund’ hat Krach im Mund

5:00 Uhr, es geht los. Carlos, der spanische Zwerghahn, der oben auf dem Hügel wohnt und ein guter Freund meiner Hühnis ist, hat mal wieder präsenile Nestflucht.

Carlos: „Guten Mooooooorgeeeeen!“

Horst: „Guten MOOOOrgen!!“

Oreo: „Guten Morgen.“

Carlos: „Ich hab es zuerst gesaaaaagt!“

Ich: „Seufz.“

Ich quäle mich aus dem Bett und gehe nach unten. Wir kennen das schon, seit ein paar Wochen geht das jeden Morgen so. Jeden. Morgen. Immer. Egal, womit ich meine Hähne versuche zu bestechen, wenn Carlos anfängt zu krähen, können sie sich nicht zurückhalten. Sie müssen alle das letzte Wort haben. Jeder Einzelne von ihnen. Das ist das Problem.

Carlos: „Ich hab’s zuerst gesagt, ich hab’s zuerst gesagt!

Oreo: „Na und?“

Carlos: „GUTEN MOOOORGGGGEEEE-ENNNN!!!“

Streusel (gähnend): „Warum plärrt ihr denn immer so?“

Oreo: „GUUUUTEEEENNN MOOOO-OOOOORGÄÄÄÄÄN!!!“

Chantal: „Mon Dieu!“

Carlos: „GUUUU-“

Mann: „RUUUUUHEEE! Jeden Morgen das gleiche Geplärre!“

Carlos, Horst und Oreo im Chor: „Guuuuuuten Mooooorgen!!!“

Pudding (zart): „Moin?“

Carlos: „Ich kann am lautesten krähen!“

Horst: „ICH kann am lautesten krähen!“

Oreo: „Nein, ich. Ich kann am -“

Streusel: „Nein, ich!“

Bärli: „Kommt her, meine Kinder, kuschelt euch ein und schlaft noch ne Runde.“

Geraschel im Stall. Die beiden Buben Oreo und Streusel kriechen unter Mamas wärmende Flügel, obwohl sie eigentlich schon recht große, selbstständige Kerlchen sind. Wenigstens tagsüber. Aber so ein bisschen Nestwärme tut jedem gut. Zwei Krähhälse weniger.

Carlos: „Naaaa? Gebt ihr etwa schon auf? Ihr Luschen!!!“

Jaja, die Romantik des Landlebens. Unsere Feriengäste im Zigeunerwagen auf der Obstwiese schwärmen immer wieder davon, wie sehr sie sich über das morgendliche Hahnenkrähen freuen, in der Stadt hätten sie so etwas ja schließlich nicht. Wie wunderschön die Hähne den Tag begrüßen würden. Das wäre Natur, das wäre das ursprüngliche Leben.

In solchen Momenten weiß ich nicht, ob es ein Fluch oder ein Segen ist, dass ich genau verstehen kann, was da in die Welt hinausgekräht wird.

Ich schleppe mich in den Stall, kurz nach fünf ist einfach nicht so ganz meine Zeit. Doch wenn die Herren wach sind, nützt es nichts, das auszusitzen. Wir haben es versucht, glaubt mir. Sie krähen dann so lange, bis sie ins Gehege dürfen und Futter haben. Ich kann mich ja anschließend nochmal ins Bett kuscheln.

Bevor ich die Hühnerklappe ins Gehege aufmache, werfe ich einen Blick durch das Fenster in den Stall. Was ich sehe, macht mich glücklich. Die Hühnis sitzen alle noch auf ihren angestammten Schlafplätzen. Sie sind zusammengekuschelte, dicke Bälle, die Augen auf Halbmast, eins gähnt, ein anderes reckt sich. Adele sitzt mit den Küken im großen Nest und erzählt ihnen irgendetwas. Die Kleinen lauschen mit großen Augen. Pudding und Cookie sind unter ihr Gefieder gekrabbelt, genießen die Wärme und strecken ihre Köpfchen aus Adeles Federkleid. Ich muss ein bisschen näher ran, um zu lauschen. Hoffentlich erzählt sie der neuen Hühnergeneration nicht von dem gruseligen Märchen, das die Hühnis selbst erfunden haben und das sich irrsinnigerweise hartnäckig als Tatsachenbericht hält.

Adele: „Und die Steine mit einem Loch in der Mitte heißen Hühnergott.“

Cookie: „Warum?“

Adele: „Die werden so bezeichnet, weil sie unter anderem die Hühner zum besseren Legen anregen sollten.“

Cookie: „Warum?“

Adele: „Und wenn ihr einen solchen Stein gefunden habt, dann müsst ihr ihn im Stall aufhängen.“

Cookie: „Warum?“

Adele: „Das bringt Glück.“

Cookie: „Waruhum?“

Adele: „So heißt es in der Legende. Es bringt Glück und beschützt uns.“

Cookie: „Warum?“

Adele: „Schau mal da, eine Fliege!“

Ich muss grinsen. An die „Warum-Phase“ meines Sohnes kann ich mich noch allzu gut erinnern, auch wenn es schon eine ganze Weile her ist.

Adele (auf die Seitenwand zeigend): „Und seht ihr hier? Habt ihr euch schon mal gefragt, warum da ausgeblasene Eier aufgehängt sind?“

Streusel: „Nein. Wann gibt’s Frühstück?“

Cookie: „Warum?“

Streusel: „Weil ich Hunger hab!“

Adele: „Sie meint die Eier. Oder, Küki? Das sind die ersten Eier, die wir gelegt haben. Das allererste Ei einer Henne wird ausgeblasen und in den Stall gehängt. Das bringt Glück.“

Cookie: „Warum?“

Ich denke, es ist an der Zeit, die Klappe zu öffnen. Adeles linkes Auge zuckt schon. Futter gibt es nur im überdachten Auslauf. Einerseits, damit wir keine Ratten in den Stall locken, andererseits hat Hermine sonst im Nu alles komplett weggefressen, was auch nur im Ansatz aussieht wie ein Körnchen.

Hermine: „Höiiii!“

Ich: „Ist doch wahr!“

Hermine: „Was habt ihr alle immer nur mit mir. Du stellst mich als sooo verfressen hin, das ist ja schon peinlich.“

Freya: „Hört, hört!“

Roswitha: „Müssen wir dich an das Rohr erinnern? Müssen wir?“

Hermine: „Neeeee.“

Streusel: „Was war denn?“

Adele: „Das war vor deiner Zeit.“

Roswitha: „Da hat Hermine -“

Hermine: „Maaaaannn!!!“

Bevor es wieder zu Gezanke kommt, streue ich schnell das Futter in die Schüsseln im Auslauf. Heute Morgen gibt es ein paar Äpfel dazu. Sie stürzen sich wie irre auf die Äpfel, als hätten sie monatelang kein Obst bekommen. Kennt ihr das? Im Ganzen rührt sie keiner an – egal, ob Mensch oder Tier – aber in Scheiben geschnitten und schön präsentiert, reißen sie sich darum. So auch hier.

Während ich mich wieder in mein Bett kuschle, das mir meine Kater so wunderbar warmgehalten haben, planen die Hühner ihren Tag. Da ich im Weggehen noch etwas von ‚Rosenknospen sammeln’ gehört habe, nehme ich mir vor, heute endlich den Zaun zum Vorgarten fertigzubauen. Dort fangen gerade die Rosen an zu blühen, dicke, wunderbare Knospen überall. Wenigstens dieses Jahr hätte ich gern die ein oder andere mal in voller Blüte gesehen.

Was mit Hermine und dem Rohr war? Wir hatten im Stall ein geknicktes Plastikrohr befestigt, in das von oben das Futter hineingefüllt wird und wo von unten an der Öffnung die Hühnis fressen können, ohne dass allzu viel auf dem Boden landet oder sie es rausscharren können. Sehr praktisch, hygienisch und spart Futter. Das haben auch alle Hühnis wunderbar hinbekommen. Alle bis auf Hermine. Die hat ihren Kopf vor lauter Gier so tief in das Rohr gesteckt, dass sie sich irgendwie mit einem Flügel verkeilt hat und nicht mehr herauskam. Rausziehen ging nicht, da hätten wir ihren Flügel verletzt. Also mussten wir das Ding auffräsen, begleitet von Hermines infernalem Gezeter und den üblichen, sehr hilfreichen Ratschlägen aller gefiederten Anwesenden, die sich am Ende auf Erlösen (also Kopf ab) einigten. Wo wir doch ohnehin schon die Fräse in der Hand hätten ...

Wer zuerst kommt, frisst zuerst!

7:20 Uhr – Hermine hat ein Ei gelegt. Wie immer bedarf es deswegen einer Kundgebung, an der alle Welt teilzunehmen hat.

Hermine: „Ein Eiiiii, ein Eiiii, das tollste Ei der Welt!“

Alle anderen Hühnis: „Hermine hat ein Ei gelegt, Hermine hat ein Ei geleeeeegt!“ Ich ertappe mich dabei, wie auch ich mitsinge und im Takt wippe und schaue mich peinlich berührt um. Puh, keiner hat’s gesehen.

Hermine: „Ein Eiiii, das Ei aller Eier, die Mutter aller Eieeeeeer!“

Hermine ist unser ... nun, nennen wir es ‚besonderes’ Huhn. Fast jeder Hühnerbesitzer kennt das – eins ist immer ein wenig anders. Wenn wir von ‚DEM HUHN’ reden, weiß jeder, wer gemeint ist. Vermutlich bin ich auch noch selbst schuld daran, dass sie so ist, wie sie ist. Ein Bekannter legte Eier in seinen Brutautomaten, lauter zartbeige und hellgrüne. Ich bat ihn, Hermine für mich mit auszubrüten – ihre Mutter ist Chantal, ihr Vater Horst. Beides sind Marans, folglich war Hermine in einem tiefdunkelbraunen Ei. Aus Spaß legte er es in die Mitte, ein dunkles unter 30 sehr hellen.

Kein Wunder, dass sie fortan dachte (und noch immer denkt), dass sie etwas ganz Besonderes sei. Sie war auch das einzige schwarze Küken in dem ganzen Schlupf. Die anderen waren hellgelb bis hellbraun mit Streifen auf dem Rücken. So gab es zum Glück keinerlei Schwierigkeiten, sie von den anderen zu unterscheiden. Wir holten sie mit ungefähr drei Monaten nach Hause, an dem Tag, an dem sämtliche unserer Hühner in das neue Gehege in unserem neuen Zuhause umzogen. So war Hermine nicht das einzige nervöse Huhn, denn es war für jedes eine neue Umgebung. Hermine tat sich von Anfang an mit ihrer extremen Verfressenheit hervor.

Hermine: „Höiii!“

Ich: „Was!“

Hermine: „Bis hierhin klang es ja noch nett. Aber jetzt?“

Ich: „Aber es stimmt doch!“

Hermine: „Kannst du das nicht höflicher ausdrücken?“

Hermine war von Anfang an sehr gierig.

Hermine: „Hallooo?“

Ich: „Was denn!“

Hermine: „Schreib! Hermine tat sich von Anfang an durch ihren auserlesenen Geschmack hervor.“

Ich: „Quantität statt Qualität ...“

Hermine: „Mir schmeckt’s halt. Schreib weiter! Schreib, dass ich ganz nach meiner französischen Mutter komme. Und die Franzosen sind ja wohl für ihren exquisiten Geschmack berühmt.“

Ich: „Ich hab dich eine tote Maus fressen sehen!“

Hermine (Flügel hebend): „Exquisiter Geschmack, sag ich doch!“

Ich: „Wolltest du nicht rausgehen und irgendwas erledigen?“

Hermine: „Nö.“

Ich: „Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du direkt hinter mir auf der Stuhllehne sitzt und alles kommentierst.“

Hermine: „Ich behalte dich mal besser im Auge und helfe dir weiter, wenn du steckenbleibst.“

Ich: „Ohne deine Hilfe käme ich wesentlich schneller voran!“

Hermine: „Ja, ja. Und ich muss dann lesen, wie verfressen ich angeblich bin. Was meinst du eigentlich mit ‚das Huhn’?“

Ich: „Das wollte ich ja gerade erklären.“

Heimlich hole ich mein Handy und tippe so, dass Hermine es nicht sehen kann, eine Nachricht an meinen Sohn. Kurze Zeit später hören wir es in der Küche rumoren.

Sohn: „Soll ich die Nudeln an die Hühner verfüttern?“

Hermine (Augen weit aufreißend): „NUDELN!“

Ich: „Ja, bitte im Gemüsegarten!“

Hermine (eilig von der Stuhllehne hüpfend): „Ich weiß es als Erste. Ich bin die Erste! Nudeln, Nudeln, Nudeln!!“

Bis auf eine kleine schwarze Feder, die langsam kreiselnd nach unten schwebt, ist nichts mehr von ihr zu sehen. Aber neiiin, sie ist nicht verfressen, kein bisschen. Dieses Mal schließe ich die Tür meines Arbeitszimmers, das ganze Viehzeug macht mich kirre. So lieb ich sie auch alle habe, ein paar Minuten am Tag wäre ich gerne mal ganz für mich alleine. Ständig wollen sie irgendetwas zu essen.

Sohn (hereinkommend): „Auftrag erledigt! Was gibt’s zu essen?“

Ich (seufzend): Was du dir kochst. Koch bitte gleich für mich mit, ich hab heute viel zu tun.“

Sohn: „Ach, ich hab auf einmal gar keinen Hunger mehr. Kannst ja später kochen. Guck mal. Lustig.“

Ich: „Was?“

Er zeigt auf das Arbeitszimmerfenster. Außen auf dem Fensterbrett hocken Chantal, Hermine, Pippi, Roswitha und Freya und starren mich an. Hermine wirkt zufrieden, der Rest ein wenig verärgert. Okay, sehr verärgert.

Sohn: „Hermine hat fast alle Nudeln alleine gefressen. Du glaubst nicht, wie schnell DAS HUHN fressen kann.“

Ich ändere den Satz im Büchlein wieder in: ‚Hermine tat sich von Anfang an mit ihrer extremen Verfressenheit hervor.’

Ich: „So. Das bleibt jetzt. Da kann sie sagen, was sie will!“

Es pocht an der Scheibe. Pippi zeigt mit ihrem Flügel auf ihren Schnabel.

Sohn: „Ich schau mal, was wir noch haben. Die übrigen Kartoffeln?“

Ich: „Ja, füttere die ausgemergelten, armen Dinger. Vielleicht kann ich dann endlich mal in Ruhe arbeiten.“

Als alle weg sind und die Hühner mich nicht mehr anstarren, entspanne ich mich ein wenig. Also, wo war ich? Weiter im Text.

Anfangs hielt ich Hermine für ein wenig ... hmmm ... sagen wir mal, nicht ganz so schlau. Sie hat jeden Abend den Eingang des Geheges gesucht. Wirklich jeden einzelnen Abend. Da sie stets in Panik geriet, hob ich sie schließlich hoch, brachte sie zum Eingang und gab ihr ein paar Mehlwürmer, so als positive Verstärkung. Sie sollte in ihrem kleinen Hirn die Kette ‚Eingang finden – Mehlwürmer – alles gut’ bilden.

Chantal: „Und du aaast ihr geglaubtöö, dass sie den Eingang niiischt findöööt? Wirkliiisch?“

Ich: „Arghhh! Wie kommst du hier rein? Du warst doch eben noch am Fenster!“

Chantal (die Flügel zuckend): „Erniiie at die Tür aufgemacht fürrr misch.“

Ich: „Irgendwann bekomme ich noch einen Herzinfarkt! Was meinst du damit, ob ich ihr geglaubt habe. Ich hab sie ja schließlich umherirren sehen ...“

Chantal: „Ja, genau. Weil sie niiischt wusstö, wo-in. Niiischt, weil sie Würrrmer wolltö, non, non.“

Der Groschen fiel langsam, aber er fiel.

Chantal: „Bekomme isch einen Schlück Café? Und une Croissant?“

Ich seufze. Diese Ladys sind so unfassbar anstrengend. Außerdem ist es peinlich, dass ich – wieder einmal – von einem Huhn reingelegt worden bin.

So, wo war ich? Ach ja, Hermine. Über dieses Huhn gibt es wirklich viel zu erzählen. Einmal habe ich sie veräppelt, das nimmt sie mir heute noch übel. Wie ihr ja vielleicht wisst – zumindest die, die Band II gelesen haben – war Hermine nicht eine der schnellsten beim Eierlegen. Auch legt sie nicht jeden Tag, das muss sie auch gar nicht. Marans sind nicht auf hohe Legeleistung ausgelegt, und das ist vollkommen in Ordnung so. Eines Tages bereite ich gerade unseren Zigeunerwagen für Henry vor. Wir haben in liebevoller Arbeit einen Zigeunerwagen als Ferienunterkunft hergerichtet. Das hat gefühlt zehn Jahre gedauert, dabei waren es nur knapp zwei. Aber bis jedes Detail stimmte, jedes Kissen passte und jeder Pinselstrich saß, ganz zu schweigen von den umfassenden Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten, das brauchte seine Zeit. Unser erster Gast war Henry. Mittlerweile ist er ein Stammgast, kommt immer, wenn er zwischen seinen Reportagen Zeit hat. Die Hühner lieben ihn, ist er doch sehr großzügig mit Leckereien, und auch die Katzen finden sich immer ein, wenn Henry anreist. Im Grunde stehen wir meistens alle versammelt da, sämtliche Zwei- und Vierbeiner. Es ist geradezu so, als käme der Gutsherr nach Hause und sämtliches Personal steht Spalier. Henry ist ein wirklich feiner Kerl und wir mögen ihn alle sehr gern. Er ist mittlerweile ein guter Freund geworden. Wie zitiert Bettina den guten alten G. B. Shaw immer? ‚Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte.’ Das lasse ich jetzt einfach einmal so stehen.

Nun also, ich bin gerade dabei, den Wagen zu lüften, und muss sehr aufpassen, dass kein Huhn hineinläuft. Das geht nämlich nie gut aus und ich habe keine Lust, wieder irgendwelche Häufchen wegzuputzen. Da Hühner von Natur aus sehr neugierig sind, werden alle meine Handlungen akribisch beobachtet und kommentiert. Ich kehre also das Sonnendeck vor dem Wagen, da merke ich, wie Hermine anfängt zu hampeln.

Hermine: „Verdammt!“

Chantal: „Wasöö istööö?“

Hermine: „Ich muss ein Ei legen. Jetzt! Bis ins Legenest schaffe ich es nicht mehr.“

Streusel (eifrig): „Ich bau dir hier ein Nest! Ich kann das schon. Ich kann das voll gut, echt. Ich bau dir eins!“

Sagt es und wirft sich mit seiner noch knochigen Teenagerbrust ins Gras, wo er auf dem Boden hin und her robbt und ein kleines Nest formt. Er reißt Grashalme aus und baut einen Wall. Sehr sorgfältig und bedächtig, ein Grashalm nach dem anderen.

Hermine: „Das machst du ganz toll, wirklich, aber geht das auch schneller?“

Streusel: „Meine Mama sagt immer: ‚Gut Ding will Weile haben’.“

Freya: „Deine Mama ist eine Brahma, da ist Gemütlichkeit in den Genen eingebaut.“

Hermine tritt von einem Bein auf das andere und schaut sich panisch um. Ich habe meinen großen Erntekorb aus geflochtener Weide mitgebracht, für meine Tomaten- und Gurkenernte. Endlich habe ich mal eine reichhaltige Tomatenernte, keine Braunfäule oder andere Krankheiten. Dieses Jahr habe ich es mit sehr alten Tomatensorten versucht, und es hat funktioniert.

Aber ich stelle den Korb natürlich gerne einer Dame in Not zur Verfügung. Als ich mich bücke, um es ihr zu sagen, bekommt sie auf einmal kugelrunde Augen und legt ein wunderbares, tiefbraunes Ei direkt in meine Hand. Ich richte mich auf, um es zu bewundern, da dreht sich Hermine um, um es ebenfalls zu bewundern.

Hermine: „Ich hab ein Eiiiii gelegt, ich hab ein Eiiii ... hä?“

Chantal: „Quoi?“

Hermine: „Wo ist das Ei?“

Streusel (vor sich hin murmelnd): „Warte, ich hab’s gleich, ich hab’s gleich! Gleich kannst du es legen, das Nest ist gleich fertig.“

Chantal: „Welschöös Ei?“

Hermine: „Ich hab doch gerade ein Ei gelegt!“

Hermine und Chantal schauen auf die Stelle, auf die Hermine zeigt. Nix. Kein Ei.

Chantal: „Da iiiist kein Ei.“

Hermine: „Das sehe ich auch. Aber ich hab doch gerade eins gelegt. Ich hab doch eins gelegt ... oder? Habe ich eins gelegt?“

Ich verstecke das Ei hinter meinem Rücken. Ist das gemein? Mag sein, aber ich muss zugeben, ich genieße es in vollen Zügen. Ich denke an die unzähligen Male, als alle Hühner schon brav im Gehege oder Stall waren – nur DAS HUHN war noch draußen und hatte ums Verplatzen keine Lust, hineinzugehen. Oder sie sprang über den Zaun und lief ungeachtet der Gefahren, die draußen auf ein einzelnes Huhn lauern, eine Runde spazieren. Nicht nur einmal habe ich in der Entfernung ihren plüschigen kleinen Hintern gerade noch sehen können und musste losrennen, um sie auf dem Weg ins Nachbardorf abzufangen. Deswegen bereitet es mir eine schon recht große Genugtuung, ihr Ei heimlich in die Rocktasche zu stecken.

Hermine: „Also, ich bin wirklich verwirrt.“

Chantal zuckt die Flügel und widmet sich wieder der Würmersuche. Streusel baut noch immer konzentriert am Nest und bekommt von seiner Umgebung wieder einmal nichts mit.

Hermine: „Ich hätte echt schwören können, dass ich ein Ei gelegt hab. Sehr seltsam, das Ganze.“

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Titel: Neues von den Hühnis